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Kalenderblatt vor 120 Jahren
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vom selben Autor |
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| Nikolai Vavilov |
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Vor 250 Jahren - Franz Andreas Bauer
in Heft 5/2008
Vor 300 Jahren Georg Dionysius Ehret
in Heft 1/2008
Vor 80 Jahren - Flammendes Kätchen
in Heft 5/2007 |
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| von Reinhardt Höhn |
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Mit seinem Gesetz der homologen Reihen und seiner Genzentren-Theorie
hat sich Nikolai Iwanowitsch Vavilov (18871943) einen bleibenden
Platz unter den Großen der Genetik und der Pflanzenzüchtung erworben.
Sein Name steht aber nicht nur für wichtige wissenschaftliche
Erkenntnisse und Fortschritte, sondern auch für die Tragik eines
Wissenschaftlerlebens unter der stalinistischen Willkürherrschaft.
Vavilov (in der Literatur auch als Wawilow geführt) wurde am 25.
November 1887 - also vor 120 Jahren - in Moskau geboren. 190610
studierte er an der Moskauer Landwirtschaftsakademie, wo er auch
als Doktorand blieb. Anschließend arbeitete er in der Abteilung
für Angewandte Botanik des Landwirtschaftsministeriums in St.
Petersburg und wurde von dort nach Großbritannien delegiert, um
sich mit den neuesten Erkenntnissen der Biologie, insbesondere
mit dem Darwinismus und der Genetik bekannt zu machen. 1917 erhielt
Vavilov eine Professur für Genetik, Pflanzenzüchtung und Landwirtschaft
an der Agronomischen Fakultät der Universität in Saratow/Rußland.
1921 wurde er Leiter des Lehrstuhls für Botanik und Pflanzenzüchtung
in Petrograd (191424 russifizierter Name von St. Petersburg)
und war von 192440 Direktor des Allunions-Instituts für Angewandte
Botanik und Züchtung, 1930 in Allunions-Institut für Pflanzenzüchtung
umbenannt. 1923 wählte man Vavilov zum Direktor des Staatlichen
Instituts für Experimentelle Agrochemie, das 1929 zur Wladimir-Illjitsch-Lenin-Akademie
der Landwirtschaftswissenschaften der Sowjetunion reorganisiert
wurde. Vavilov wurde zu ihrem ersten Präsidenten ernannt. 1930
übernahm er das Laboratorium für Genetik der Akademie der Wissenschaften
der UdSSR und wurde Direktor des auf seinen Vorschlag hin geschaffenen
Instituts für Genetik. Von 193140 war Vavilov zudem Präsident
der Geographischen Gesellschaft der UdSSR.
Auf zahlreichen Sammelreisen im Zeitraum von 192040 machte Vavilov
in aller Welt geographische Studien zum Aufkommen der Kulturpflanzen
und ihrer Entstehungsformen. Er bereiste etwa 40 Länder zum Erforschen
der Kulturflora und zum Sammeln von für die Züchtungsarbeit besonders
geeignetem Saatgut. Seine Jagd nach Kulturpflanzen begann bereits
1916 im Iran und im Pamir. Es folgten Expeditionen u.a. 1922 nach
Afghanistan, in den Jahren 1926/27 rund ums Mittelmeer sowie nach
Somalia, Äthiopien und Deutschland, 1929 nach Taiwan, Japan und
Korea, 1930 in die Südstaaten der USA sowie nach Mexiko, Guatemala
und Honduras, 1931 nach Dänemark und Schweden und 1932/33 nach
Kanada sowie in die meisten Länder Südamerikas. Auf seinen Reisen
interessierte sich Vavilov auch für Forschungs- und Versuchsanstalten,
und er besuchte die Botanischen Gärten dieser Länder. Das auf
diesen Expeditionen zusammengetragene Saatgut bildete die von
ihm angelegte, international berühmte und noch heute existierende
Sammlung pflanzlichen Genmaterials im Allunions-Institut für
Pflanzenzüchtung (VIR) in St. Petersburg. 1940 umfaßte sie über
300.000 Kulturpflanzensorten aus aller Welt, davon 36.000 Weizen-,
10.000 Mais-, 27.000 Leguminosen-Formen, 23.000 Futterpflanzen,
18.000 Gemüse- und 12.600 Obstsorten. In all den Jahren beschäftigte
sich Vavilov vorwiegend mit der Systematik der Pflanzen, der Geographie,
der Evolutionslehre, der Genetik und der Pflanzenzüchtung.
International berühmt machte ihn das Gesetz der homologen Reihen
in der erblichen Veränderung der Pflanzen, das er 1920 auf der
3. Allrussischen Konferenz für Züchtungsforschung darlegte.
In seinen Untersuchungen stützte er sich dabei auf Charles Darwin
(180982), der bereits zahlreiche Parallelvariationen bei unterschiedlichen
Tieren und Pflanzen beschrieben hatte. Demzufolge treten in verwandten
Pflanzengruppen - in parallelen Zuchtlinien zwischen verwandten
Arten, Gattungen oder auch Familien häufig parallele oder
analoge Variationen auf. Aufgrund dieses Phänomens könne man
bei einer noch unbekannten Pflanzengruppe deren Eigenschaften
vorhersagen, darin ähnlich den noch fehlenden Elementen des Mendelejewschen
(chemischen) Periodensystems. Aus diesen Erkenntnissen leitete
Vavilov ein Periodensystem der erblichen Veränderungen von Pflanzen
ab, aus der die theoretische Möglichkeit der Existenz neuer Pflanzenarten
geschlossen werden könnte. Das Wesen des Gesetzes der homologischen
Variabilität formulierte Vavilov folgendermaßen: Die genetisch
nahe verwandten Arten und Gattungen zeichnen sich durch homologe
Reihen in der erblichen Variabilität mit solch einer Regelmäßigkeit
aus, daß wir aufgrund der Vielfalt von Formen innerhalb einer
Art auf das Vorhandensein von Parallelformen auch in anderen schließen
können. Je enger dabei die Verwandtschaftsbeziehungen von Organismen
sind, um so vollständiger ist die Ähnlichkeit in den Reihen ihrer
erblichen Variabilität (1935).
In diese theoretischen Forschungen waren seine weiteren Arbeiten
zur Pflanzenimmunität eingebettet. Vavilov zufolge ist die Anfälligkeit
der Pflanzen für bestimmte Krankheitserreger bedingt durch die
gemeinsame Evolution sowohl der Pflanzen als auch ihrer Krankheitserreger,
also eine Koevolution. In ihren Heimatgebieten hatte diese Koevolution
zur Herausbildung eines stabilen Gleichgewichts zwischen Pflanze
und der für sie spezifischen Krankheitserreger geführt, wozu die
selektive Herausbildung pflanzlicher Resistenz gehört. Mit der
jahrhundertealten kulturellen Verbreitung und Auslese der Nutzpflanzen
- indem diese nach dem Kriterium der Ertragssteigerung unter Vernachlässigung
des Resistenzgrades erfolgte sei dieses Gleichgewicht erheblich
gestört worden. Um hier ein neues Gleichgewicht zu schaffen, müsse
man daher erneut auf Zuchtmaterial aus den Ursprungszentren der
jeweiligen Pflanzen zurückgreifen. Diesen Überlegungen lag Vavilovs
international stark beachtete Theorie der Genzentren geographische
Ursprungsorte der Nutzpflanzen zugrunde.
1926 veröffentlichte er sein Werk Ursprungszentren der Kulturpflanzen,
in dem er als erster die Zusammenhänge zwischen den Entstehungs-
und Ursprungsgebieten der Kulturpflanzen und den Zentren größter
Formenfülle ihrer wildwachsenden Ahnen feststellte. Zunächst hatte
Vavilov fünf Mannigfaltigkeitszentren der wichtigsten Kulturpflanzen
unterschieden. Dabei handelte es sich um Hochgebirge bzw. Hochebenen
in Asien, Nordafrika, Südeuropa, den Kordilleren und den Rocky
Mountains. Aufgrund neuer Forschungen schlug Vavilov schließlich
vor, 11 Mannigfaltigkeits- oder Genzentren zu unterscheiden: 1.
das chinesische Zentrum (Kohl- u. Zwiebelarten, Soyabohnen, Tee),
2. das indische Zentrum (Gurken, Auberginen, Bohnenarten), 3.
das indomalayische Zentrum (Reis, Zuckerrohr, Kokos), 4. das vorderasiatische
Zentrum (Weizen, Hafer Gerste, Feigen), 5. das zentralasiatische
Zentrum (Weizen, Roggen, Linsen, Karotten, Zwiebelarten, Äpfel,
Flachs), 6. das mittelmeerische Zentrum (Kohlarten, Mandeln, Oliven),
7. das abessinische Zentrum (Weizen, Gerste Hirse, Linsen, Sesam,
Kaffee), 8. das südmexikanisch-zentralamerikanische Zentrum (Tomaten,
Kakao, Mais), 9. das südamerikanische Zentrum mit Ecuador und
Bolivien (Kartoffeln), 10. das chilenische Zentrum, 11. das brasilianisch-paraguayische
Zentrum (Kautschuk, Pfeffer). Für jedes war ein Verzeichnis angebauter
Kulturpflanzen angegeben. Die bei weitem größte Zahl an Kulturpflanzen
- etwa 70 % aller Arten - entstammen dem asiatischen Kontinent.
Vavilov wies weiterhin auf einen Zusammenhang zwischen den festgestellten
Zentren und den ältesten, auf Ackerbau beruhenden Zivilisationen
hin.
Ausgehend von der praktischen Arbeit der Pflanzenzüchtung zog
Vavilov Rückschlüsse auf die Mechanismen der Evolution. Anhand
seiner Analyse der Evolutionswege unter den Bedingungen von Kultur
sowie komplizierten Wechselwirkungen genetischer und ökologischer
Faktoren zeigte er das Zusammenwirken der natürlichen und künstlichen
Auslese in der Entwicklung von Kulturpflanzen. Für diese Arbeit
wurde Vavilov 1926 mit dem Lenin-Orden, der höchsten Auszeichnung
der UdSSR, geehrt.
Als Ergebnis seiner Analyse der Kulturpflanzen, ihrer innerartlichen
Mannigfaltigkeit und des Erforschens der Geographie von Sorten
in den alten und neuen Ackerbauländern erschien mit Die Linnésche
Art als System 1931 seine wichtige theoretische Arbeit über die
polytypische Artkonzeption. Vavilov zufolge ist die Art (als Kategorie)
ein kompliziertes System, das eng miteinander verbundene Elemente
umfaßt. Die Population (Anm.d.Red.: Gesamtheit der Individuen
einer Art) wurde dabei zum Hauptgegenstand der ökologischen, genetischen
und evolutionsbiologischen Untersuchungen. Nur durch das komplexe
Erforschen der morphologischen, physiologischen und genetischen
Eigenschaften sowie durch die Analyse der ökologischen und geographischen
Variabilität innerartlicher Einheiten kann die Artstruktur ermittelt
werden. Seine Erkenntnisse waren bahnbrechend in der Botanik.
Umfangreich waren auch seine Arbeiten über die theoretischen Grundlagen
der Pflanzenzüchtung, über wissenschaftliche Grundlagen für die
Organisation der Saatzucht und der staatlichen Approbation (lat:
Zulassung) von Sorten. 193537 erschien sein dreibändiges Handbuch
Theoretische Grundlagen der Pflanzenzüchtung und 1938/39 Anweisungen
zur Approbation der landwirtschaftlichen Kulturen ebenfalls in
drei Bänden.
Vavilov genoß hohe nationale und internationale Anerkennung. 1929
wurde er als jüngster Akademiker zum Ordentlichen Mitglied der
Akademie der Wissenschaften der UdSSR, zum korrespondierenden
Mitglied der Leopoldina in Halle sowie zum Ehrenmitglied der
Royal Agricultural Society of England ernannt. 1939 wählte man
Vavilov auf dem 7. Internationalen Genetikerkongreß in Edinburgh
zum Vorsitzenden. Dieser Kongreß sollte zwei Jahre zuvor in Moskau
stattfinden, wurde jedoch abgesagt, weil es bereits große Differenzen
zwischen der sowjetischen Staatsführung und Vavilov über die Gesetze
der Genetik gab. Geschürt hatte sie der Agrarbiologe Trofim Denissovich
Lyssenko (18981976), der eigene Theorien zu Vererbung und Züchtung
entwickelte und eine politisch-ideologisch begründete Kampagne
gegen Vavilov als Haupt der klassischen Genetik in der Sowjetunion
führte. Der Personenkult um Lyssenko, gestützt und gefördert von
Josef Wissarionowitsch Stalin (18791953) und die Verfolgung der
klassischen Genetiker nahmen daraufhin eine furchtbare Entwicklung.
Der Lyssenkoismus - so die spätere Bezeichnung der neuen sowjetischen
Genetik - wurde als Zwangslehre im gesamten damaligen sozialistischen
Ostblock eingeführt und hatte tragische Folgen für viele Biologen.
Die meisten Genetiker der Sowjetunion wurden entlassen, viele
von ihnen verhaftet und gefoltert, einige sogar hingerichtet.
Auch Vavilov wurde noch 1939 aller Ämter enthoben, 1940 wegen
antisowjetischer Tätigkeit verhaftet und als angeblicher Spion
des englischen Imperialismus zunächst zum Tode, dann zu einer
zehnjährigen Haftstrafe verurteilt. Am 26. Juni 1943 starb Vavilov
den Hungertod im Gefängnis von Saratow. Er wurde in einem Massengrab
für Häftlinge begraben. Sein Name blieb 15 Jahre lang unter Verbot.
Erst nach Stalins Tod wurde er 1955 rehabilitiert. Weitere zehn
Jahre später, nach der Ära Lyssenko, ehrte man Vavilov, indem
man der Gesellschaft der Genetiker und Züchter der UdSSR und
dem Allunions-Institut für Angewandte Botanik und Züchtung in
Leningrad (heute wieder St. Petersburg) seinen Namen gab. Jedoch
erst 1987, anläßlich Vavilovs 100. Geburtstages, erwies ihm der
sowjetische Staat postum Ehrungen. Dieses von der UNESCO in den
Kalender der Gedenkdaten aufgenommene Jubiläum wurde in mehreren
Ländern mit Sondersitzungen und Vorträgen, die seine wissenschaftlichen
Arbeiten würdigten, begangen.
In einem 1930 erschienenen Beitrag Wildprogenitors of trees of
Turkestan and the Causasus and the problem of origin fruit trees
(Rep. Proc.IX Internat. Hort. Congr. London) äußerte Vavilov die
Vermutung, das Genzentrum für Obstgehölze, insbesondere für den
Kulturapfel sei in der kasachischen Grenzregion zu Kirgisien und
China zu finden, dort wo sich das etwa 2.500 km lange und bis
zu 600 km breite Tian-Shan-Gebirge erstreckt. In den ursprünglichen
Wäldern fand Vavilov den Wildapfel, Malus sieversii in sehr variablen Formen und vermutete diese Art als Vorfahr
des Kulturapfels. 70 Jahre später wurde seine Vermutung bestätigt,
als ein Botanikerteam der Universität Oxford unter Leitung des
englischen Botanikers Dr. Barrie Juniper eine ausgedehnte Forschungsreise
nach Mittelasien in dieses jahrzehntelang gesperrte, schwer zugängliche
Gebiet machte und M. sieversii in großer Vielfalt, Variabilität und Dichte fand. DNA-Untersuchungen
mitgebrachter Blätter von über 100 verschiedenen Bäumen ergaben
die überraschend enge Verwandtschaft dieser Malus-Wildart mit
unseren Kulturäpfeln enger als diese zu M. sylvestris stehen (Lit. Barrie Juniper: Prehistoric Pippins, Oxford Today
2000). Vavilov fehlten damals die konkreten Belege, die heute
die molekular-genetischen Methoden liefern. Die Wissenschaftler
aus Oxford erbrachten damit den Beweis, daß unser Kulturapfel
von M. sieversii abstammt und nicht von M. sylvestris, wie noch manche Fachliteratur bis heute behauptet.
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Der Autor und Jounalist Reinhardt Höhn ist den Pflanzen schon langjährig
verbunden. Nicht allein beruflich, auch privat läßt ihn die Pflanzenwelt
nicht los - sei es in natura oder besonders auch in der botanischen
Literatur.
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